Startseite » Digitale Schule » Die Corona-Krise als Chance: Vom Fernunterricht zur digitalen Schulentwicklung

Perspektiven für eine nachhaltige Schulentwicklung

Von Schulleitungen und IT-Administratoren mussten viele Fragen geklärt und Kompromisse gefunden werden: Welche digitalen Kommunikationswege, Lernplattformen und Videokonferenz-Systeme können im Fernunterricht eingesetzt werden? Wie verbindlich soll ein schulweit einheitliches Vorgehen mit einer festen Tagesstruktur vorgegeben werden? Was wiegt in der Not-Situation mehr: Der Bildungsauftrag mit persönlichem Kontakt oder der Datenschutz? Welche Qualitätskriterien müssen in Videokonferenzen für einen erfolgreichen Lernprozess beachtet werden? Wie können sozial benachteiligte Schülerinnen und Schüler persönlich erreicht und lernförderlich begleitet werden?  Im Folgenden werden sieben Perspektiven des Online-Unterricht in der Corona-Zeit herausgegriffen, die Ideen und Anregungen für eine nachhaltige digitale Schulentwicklung beinhalten können.

Perspektive I) Wirkungsvoller (Fern-) Unterricht mit digitalen Medien

Die positive Wirkung digitaler Medien hängt stark davon ab, wie diese in den Lernprozess integriert werden. Vorteilhaft im Präsenzunterricht ist ein zeitlich begrenzter Einsatz, die Verknüpfung mit kooperativen Lernformen, die Begleitung durch professionell geschulte Lehrerinnen und Lehrer sowie die Verwendung nur als Ergänzung zu klassischen Unterrichtsmaterialien und Methoden [1]. Die vier empirisch fundierten Qualitätskriterien für den wirkungsvollen Medieneinsatz im Klassenzimmer können auch auf den Fernunterricht übertragen werden und hier Orientierung geben:

  • Gebot 1: Zeitlich begrenzter Einsatz von digitalen Medien: Im Rahmen einer Doppelstunde 45 Minuten synchrones Lernen als Online-Zeit mit Videokonferenz, Hausaufgaben-Erklärvideo, Peer-Feedback und Lerndiagnose über eine Lernplattform. Danach 45 Min. asynchrones Lernen mit einer zeitlich flexiblen Offline-Zeit mit Aufgaben und Texten z. B. aus Büchern.
  • Gebot 2: Digitale Medien nur als Ergänzung zu analogen Methoden und Lehr- / Lernmaterialien: Das Fundament des Fernunterrichts sind asynchrone Lernphasen, Bücher, handschriftliche Aufsätze, eigenständiges Lernen, offene & kreative Aufgaben, Poster-Gestaltung & Heimexperimente, die alle auch ohne Online-Zeit bearbeitet werden können.
  • Gebot 3: Einsatz digitaler Medien vorwiegend in kooperativen Lernformen: Innerhalb von Videokonferenzen ist über die Breakout-Funktion eine Aufteilung der Klasse in beliebig große Gruppen zum kooperativen Arbeiten jederzeit möglich. Innerhalb von asynchronen Lernphasen können in vorher bestimmten Partnergruppen zeitunabhängig Aufgaben oder Projekte mit kollaborativen Online-Tools bearbeitet werden.
  • Gebot 4: Einsatz von digitalen Medien durch professionell geschulte Lehrer: Viele digitale Anwendungen aus dem Klassenzimmer lassen sich auch im Fernunterricht sinnvoll einsetzen. Damit die Lehr- und Lernprozesse mit den der Schule zur Verfügung stehenden Videokonferenzsysteme und Lernplattformen didaktisch sinnvoll gestaltet werden können, bedarf es in der Corona-Zeit regelmäßige schulinterne Online-Seminare zur Fortbildung des gesamten Kollegiums.

Perspektive: II) Corona-Test fürs Medienkonzept 

Die derzeit entwickelten Medienkonzepte zur Beantragung von Geldern aus dem Digitalpakt sollten mit den Erfahrungen aus der Corona-Zeit von allen Schulen und Schulträgern reflektiert und überarbeitet werden. Hat Ihr Medienkonzept den Corona-Test (drei Fragen siehe unten) bestanden?

  • Corona-Test Frage 1:
    War ein zeit- und ortsunabhängiges Lernen mit schulischen Endgeräten für alle Lehrenden und Lernenden möglich?
  • Corona-Test Frage 2:
    Bildete das verwendete Lern-Management-System ein gutes Fundament für den Fernunterricht?
  • Corona-Test Frage 3:
    Konnten alle Schüler, Lehrer und Eltern per Schul-Mail, Schul-Chat und Videokonferenz datenschutzkonform miteinander kommunizieren?

Während des Fernunterrichts wurde vielen Schulen vor Augen geführt, dass teure und unflexible Medientische mit Computer, Dokumentenkamera und interaktiver Tafel in den Klassenzimmern für das orts- und zeitunabhängige Lernen völlig ungeeignet sind. Lehrer- und Schüler-Tablets erfüllen diese Anforderungen und sollten zum Zentrum des Medienkonzepts gemacht werden. Die verlässliche Betreuung des IT-Systems der Schule und aller Endgeräte muss dabei zentral über ein Support-Konzept des Schulträgers erfolgen.

Perspektive III) Aufgabenkultur im Fernunterricht  

Im Fernunterricht zeigte sich nach den ersten Wochen deutlich, dass ein „Drill“ mit klassisch geschlossenen Aufgaben auf hunderten von Arbeitsblättern nicht mehr zeitgemäß ist. Ebenso unpassend erschien es, die analogen Übungsaufgaben über digitale Lernplattformen mit sofortigem Feedback bereitzustellen. Das Potential des digital angereicherten Unterrichts liegt weniger in der Erarbeitung von neuem Wissen über Erklärvideos oder dem stumpfen Üben auf Lernplattformen, sondern vor allem in der Förderung und Stärkung von Kompetenzen. Gefragt sind kreative und offene Aufgabenformate, die im Alltag zu Hause ohne intensive Betreuung der Eltern durchgeführt werden können:

  • Beispiel 1: Schulweiter Wettbewerb: Konstruktion und Video-Dokumentation einer „Klopapier-Quarantäne-Maschine“ (siehe Bild rechts) im Fach Physik mit Schülerbewertung.
  • Beispiel 2: Schulweites kreatives Schreiben: Erstellung eines eBook im Fach Deutsch der Klassen 5-10 mit Texten zum Thema „Leben, Ängste und Sorgen in der Corona-Zeit“.
  • Beispiel 3: Poster-Präsentationen der Projektarbeit im Fach Geografie per Videokonferenz mit gegenseitigem Schüler-Feedback über ein Live-Formular.
  • Beispiel 4: Erstellung von Podcasts zum Thema „Mein Traumurlaub“ mit dem Smartphone in den Fremdsprachen
Schulweiter Wettbewerb im Fach Physik

Perspektive IV) Wechselunterricht mit digitalen Medien

Ein anderes Szenario ist der Wechselunterricht: Zur Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln müssen die Klassen in zwei Gruppen aufgeteilt und in einem rollierenden System getrennt unterrichtet werden. Um die Unterrichtszeit möglichst sinnvoll und lernförderlich zu nutzen, verbinden einige Schulen die beiden Gruppen in den Hauptfächern direkt per Videokonferenz.

Im kontakt- und bewegungseingeschränkten Präsenzunterricht sind zur Einhaltung des Sicherheitsabstandes Teamarbeit, Gruppenarbeit und viele andere kreative und kommunikative Methoden nicht zulässig. Didaktisch wird es deshalb auf einen fragen-entwickelnden Frontalunterricht hinauslaufen. Mit Hilfe von digitalen Medien sind auch im Distanzunterricht Methoden wie Kooperation, Feedback, Kreativität und Kollaboration jenseits von frontalen Lehr- und Lernmethoden zeitgleich mit beiden Gruppen möglich.

  • Kreatives Arbeiten: ComicLife, GreenScreen, GarageBand.
  • Lernprozessdiagnose: Kahoot, Socrative, Quizlet.
  • Eigene Schüler-Apps: Learning-Snacks, h5p, Learning-Apps.
  • Evaluationen und Feedback: MinnitBW, Edkimo, Nextcloud Forms.
  • Kollaboratives Arbeiten:  Kialo, Scrumblr, Ethercalc.
  • Videoproduktion:  Bildschirmaufnahme, iMovie, Explain Everything.

Perspektive V) Bildungs- und Chancengerechtigkeit

Damit Schülerinnen und Schüler auf ihrem Bildungsweg aufgrund der Corona-Krise nicht massiv benachteiligt werden, bedarf es im Fernunterricht 2.0 verschiedener Maßnahmen zur Wahrung der Chancen- und Bildungsgerechtigkeit.

Das Land Baden-Württemberg hat am 15. Mai 2020 beschlossen 300.000 Endgeräte für Schulen mit Unterstützung durch den Bund zu finanzieren. Für eine nachhaltige Verwendung der Tablets und Laptops im Unterricht ist eine professionelle Betreuung über eine Mobilgeräteverwaltung, eine WLAN-Infrastruktur, fortgebildete Lehrerinnen und Lehrer und die Integration in das Medienkonzept der Schule zwingend erforderlich.

Einige Schulen in Baden-Württemberg haben zur Wahrung der Chancengerechtigkeit bereits während der ersten Corona-Welle „Study-Halls“ eingerichtet. Dabei wurde z. B. die Aula mit einer begrenzten Anzahl von Einzeltischen auf Distanz sowie getrennten Ein- und Ausgängen zum Stillarbeitsraum umfunktioniert. Die SchülerInnen haben im Rahmen des Study-Hall-Konzepts Zugang zu Tablets, Büchern, WLAN und Druckern. Study-Halls sind Orte zum Lernen für Schülerinnen und Schüler in der Notbetreuung, mit fehlenden Endgeräten, schlechter Daten-Verbindung oder sozialen Krisen zu Hause.

Perspektive VI) Einsatz von Videokonferenzen

In den letzten Montaten zeigte sich deutlich, dass auch im Fernunterricht die persönliche Begegnung und eine Präsenzzeit hochgeschätzt werden. Dank Videokonferenzen war es mit der ganzen Klassengemeinschaft trotz der Distanz möglich, synchrones Lernen zu ermöglichen. Dabei konnte sogar eine gute persönliche Beziehung zu den Schülerinnen und Schülern aufgebaut werden. Seit Ende Mai 2020 werden in Baden-Württemberg mit BigBlueButton (BBB) über die Moodle-Instanz des Landes Baden-Württemberg und mit Jitsi über die EduPool-Accounts der Kreismedienzentren in BW zwei datenschutzkonforme Open-Source Videokonferenzsysteme angeboten.

Perspektive VII) Eigenverantwortung im Lernprozess

Eine Herausforderung für Schülerinnen und Schüler im Fernunterricht war die Notwendigkeit zur persönlichen Selbststeuerung des Lernens ohne Notendruck und drohende Nichtversetzung.

Ein Beispiel aus dem Fernunterricht des Autors war ein digitaler Mathe-Test ohne Noten mit sechs unterschiedlichen Aufgaben. Anhand des Ergebnisses der automatischen Korrektur wurden den Schülerinnen und Schülern die vorhandenen Defizite aufgezeigt. Über die Osterferien im ersten Lockdown standen den Lernenden sechs zu den Aufgaben passende digitale Übungsblätter zum freiwilligen Üben zur Verfügung. Direkt nach den Osterferien wurde der gleiche Mathe-Test nur mit anderen Zahlenwerten ohne Noten wiederholt (siehe Bild unten). Es zeigte sich hierbei ein deutlicher Lernerfolg, dessen Bedeutung mit der Klasse ausführlich diskutiert wurde.

Unbenoteter Test im Fernuntericht

Ein weiteres Beispiel zur Förderung der Selbstorganisation beim Lernen ist die eigenständige Erarbeitung von neuem Wissen im Rahmen von asynchronen Lernphasen. Die Schulen müssen alle Schülerinnen und Schüler unterstützen, Kompetenzen zum selbstgesteuerten und eigenverantwortlichen Lernen zu erwerben. Gerade vor diesem Hintergrund sollten auch im normalen Unterricht nach Corona festgelegte Zeiträume mit eigenverantwortlichen Übungsphasen und der selbstorganisierten Erarbeitung von neuem Wissen ihren festen Platz an jeder Schule finden. Auf online-Konferenzen und im #TwitterLehrerzimmer wird bereits der „FREI-DAY“ als schulischer Lernbereich der Zukunft diskutiert.

Zusammenfassung

Der Nutzen von digitalen Medien zum zeitgemäßen Lernen wurde durch die Corona-Krise für Schüler, Eltern und Lehrer offensichtlich. Es zeigte sich aber auch, dass die pädagogische Reichweite von digitalen Anwendungen Grenzen hat. Das menschliche Miteinander im Klassenzimmer, der Umgang mit Emotionen sowie die Dynamik im Präsenzunterricht lassen sich weder durch Mail-Kontakt, Audio-Chat noch durch Videokonferenzen ersetzen. Die soziale Dimension des Unterrichts wird niemals durch ausgeklügelte Algorithmen sowie durch künstliche Intelligenz durchdrungen werden. Digitale Medien sind somit nur als Hilfsmittel im Lernprozess zu sehen – mehr nicht! Aufgrund der beschriebenen Erfahrungen kann die Corona-Krise ein Ausgangspunkt für eine nachhaltige Schulentwicklung sein. Die Herausforderung besteht nun die neuen Erkenntnisse für eine eigenverantwortliche und offene Lernkultur im Unterrichtsalltag fest zu verankern und mit den digitalen Möglichkeiten sinnvoll zu verknüpfen.

Literatur:

[1] Hillmayr, D., Reinhold, F., Ziernwald, L., Reiss, K. (2017).

Digitale Medien im mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterricht der Sekundarstufe:
Einsatzmöglichkeiten, Umsetzung und Wirksamkeit.
Waxmann-Verlag, Münster.

Autor

Dr. Patrick Bronner erhielt für den methodisch sinnvollen Einsatz von Smartphones im Klassenzimmer den Deutschen Lehrerpreis 2016. Er unterrichtet am Friedrich-Gymnasium Freiburg die Fächer Mathematik und Physik, bildet Referendare aus und hält Vorträge & Fortbildungen zur zeitgemäßen digitalen Bildung. Weitere Informationen unter www.PatrickBronner.de

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