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Mit welchen Methoden können die Potentiale der Schülerinnen und Schüler entdeckt, für gemeinsame Aktivitäten und Ihre Schulentwicklung genutzt werden? Erfolgreiche Projekte aus der Schulpraxis einer Gemeinschaftsschule zeigen Ihnen, wie Sie diesen Herausforderungen erfolgreich begegnen.Von Sabine Barth

Dieser Beitrag ist erschienen in Pädagogische Führung (PädF). Zeitschrift für Schulleitung und Schulberatung. 1/2021. Wolters Kluwer Deutschland. Hürth

Die Schillerschule Aalen hatte ich mir ganz bewusst ausgesucht, um Entrepreneurship Education zu implementieren. Mein damals neuer Schulleiter hatte mir wunschgemäß eine 8. Klasse für das Fach WAG (heute WBS = Wirtschaft, Beruf-, Studienorientierung) zugeteilt. Als Künstlerin, Bankbetriebswirtin, Entrepreneurin und Entrepreneurship Teacher startete ich mit vielen neuen Ideen, ging hochmotiviert an den Start, betrat gespannt die Lehrer- Lounge.

Schwierige Ausgangsbedingungen

Zu meinem Erschrecken erfuhr ich dort, was die Lehrkräfte hier bewegt: häu!ge Unterrichtsstörungen, unglaublich heterogene Klassen, Deutsch als Zweitsprache ist der Regelfall, Schülerinnen und Schüler aus bildungsfernen Familien.

Als Folge ist die Vermittlung von Ausbildungsplätzen eine große Hürde. Die Umsetzung meiner Vorhaben schien unmöglich zu sein. Ich konkretisierte meine Ideenliste, ging damit zum Schulleiter. Seine Antwort war jedoch kurz und knapp: »Das haben wir schon alles ausprobiert. Das funktioniert bei uns nicht!«

Damals habe ich beschlossen,

  • mir Zeit zu geben,
  • die Potentiale aller Schülerinnen und Schüler, Schule, Lehrkräfte
  • wirklich zu entdecken und mein Ziel beharrlich weiter zu verfolgen, Entrepreneurship Pädagogik in den Schulalltag zu bringen.

Denn ich glaubte und glaube fest daran, dass jede/r Einzelne sich im positiven Sinne weiterentwickeln kann, wenn die Potentiale einmal entdeckt wurden und gefördert werden.

Ungewohntes Vorgehen im Unterricht

»Heute geht es um eure Vorlieben, Stärken und Hobbys.«, so beginnt eine der ersten Stunden des Entrepreneurship Programms. Damit löse ich schon die erste Verwunderung bei den Schülerinnen und Schüler aus. In der Regel sind sie doch »gängige « Unterrichtsmethoden gewöhnt. Mit der Aufgabenstellung: »Sucht euch genau 5 positive Dinge heraus, die auf euch zutre$en!«, schauen sie mich spätestens jetzt ganz verdutzt an. Bislang ging es doch darum, zielgerichtete Aufgaben zu lösen und den Leistungserwartungen der Lehrkräfte zu entsprechen. So leicht diese neue Aufgabe klingen mag, ist sie doch eine der schwierigsten. Die Jugendlichen kennen i.d.R. ihre Schwächen recht gut, ihre Stärken zu benennen, ist für die meisten etwas ganz Neues. Es dauert oft fast eine halbe Stunde, bis alle ihre Stärken/Kompetenzen entdeckt haben, sie benennen können.

Dabei ist die Lehrkraft als Coach gefragt. Mit dem Potentialblick und dialogisch ausgewählten Fragen begleitet diese die Schülerinnen und Schüler von den Hobbys zu ihren Stärken. Braucht man doch für das Fußballspielen u.a. sportliche Kompetenzen, ein gutes Ballgefühl, Teamfähigkeit. Beim Singen dagegen symbolisches Denken, emotionale, soziale, sprachliche Kompetenzen, beim Reiten insbesondere Ausdauer, motorische Kompetenzen, Körperwahrnehmung, gutes Zuhören.

Die erste Unterrichtseinheit endet, indem die Jugendlichen ihre 5 guten Dinge vor der Klasse präsentieren dürfen. Diese Aufgabe ist mindestens genauso schwer, sollte daher sehr gut vorbereitet werden. Hierbei üben die Schülerinnen und Schüler ihre Präsentationskompetenz, stärken ihr Selbstvertrauen, lernen eine wertschätzende Rückmeldung zu geben und diese selbst anzunehmen. In den Folgestunden entstehen aus dieser Übung oft die besonders kreativen Ideen für den weiteren Unterricht.

Mögliche ›Fehler‹ während des Prozesses sind erlaubt, vielmehr erwünscht.

Damit die Schülerinnen und Schüler zahlreiche Lösungswege und Ideen entdecken, eignen sich vielfältige kleine Kreativitätsübungen und Er- !ndungsspiele. Zum Beispiel werden mit Hilfe von selbst gesammelten Recycling- und Naturmaterialien spielerisch »Prototypen« für Produkte und Dienstleistungen entwickelt. Den Schülerinnen und Schülern bereitet das besonders viel Spaß, geht es doch um das Ausprobieren und Experimentieren ohne Notendruck. Alles ist erlaubt, was nicht verboten ist. Oft entstehen so sehr lustige, verrückte Ideen. Sie bilden die Grundlage für innovative Gedanken. Mögliche »Fehler« während des Prozesses sind erlaubt, vielmehr erwünscht. Denn diese ermöglichen eine Weiterentwicklung. So können z.B. aus veränderten Zutaten bei der Zubereitung von Speisen völlig unbekannte Rezepte entstehen.

Agile Methoden des Design &inking (Ursprünge aus dem Silicon Valley, systematischer Lösungsansatz für komplexe Problemstellungen) führen zu realisierbaren Ideen. Jedoch sollte die Methode unbedingt den schulischen Erfordernissen und Bedürfnissen angepasst werden.

Langjährige Erfahrungen haben gezeigt, dass kokreative Teams vielfältigere, zahlreichere, innovativere Ideen/ Lösungswege !nden. Die Teammitglieder arbeiten kollaborativ, solidarisch, ergänzen sich mit ihren unterschiedlichsten Kompetenzen.

Skepsis der Lehrkräfte

Die kreativen Methoden und die Durchführung von Projekten im Rahmen der Entrepreneurship Pädagogik treffen nicht immer auf das sofortige Verständnis der Lehrkräfte. Stehen doch Mathematik, Deutsch, Englisch ganz oben auf dem Stundenplan, und der Fokus gänzlich auf langjährig bewährten Konzepten für die Abschlussprüfungen.

So kommen regelmäßig Aussagen und Fragen, wie z.B.:

  •  »Was können die Schülerinnen und Schüle denn hier für ihr späteres Leben lernen?«
  • »Meine Stunden reichen jetzt schon nicht aus. Jetzt müssen wir das auch noch umsetzen?«
  • »Wie sollen die Schülerinnen und Schüler damit am Ende gut durch die anstehenden Prüfungen kommen? «
  • »Es ist doch kein Platz für kreative Spielereien im Unterricht!«
  • »Sind das überhaupt Inhalte des Bildungsplans? «

Erfolgreiche Durchführung im Unterricht

Eines meiner Ziele war es, Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) und das Thema Upcycling im Unterrichtsalltag der Schillerschule zu integrieren.

Dazu hatte ich über eine Zeitungsannonce zahlreiche alte, ausgediente Holzstühle gesammelt. Diese brachte ich in den Unterricht der neuen 8. Klasse. Die erste Reaktion der Schülerinnen und Schüler berührte mich ganz besonders. Einige kamen nach vorne, setzten sich auf die Stühle, begannen daran zu rütteln und bemerkten, dass man diese reparieren, ein neues Stuhlkissen anbringen müsse. Andere berichteten, dass sie zu Hause einen ganz ähnlichen Stuhl hätten, dieser hier jedoch einen neuen Farbanstrich benötige.

Damit hatten sich die Jugendlichen selbst ihre ersten Problemaufgaben gestellt. In den nachfolgenden Stunden überlegten sie sich neue mögliche Designs für die Stühle, brachten dabei ihre Vorlieben/Hobbys/Stärken ein, skizzierten ihre Ideen, wählten im Rahmen eines kleinen Wettbewerbs die besten Möglichkeiten aus, begannen mit dem praktischen Arbeiten im kleinen Team.

Ich suchte nach Kooperationsmöglichkeiten, denn die daraus resultierenden Arbeitsvorgänge waren vielfältig:

  • Ein Schreiner lehrte, die Stühle zu reparieren, abzuschmirgeln, neu zu lackieren.
  • Im Rahmen eines Workshops des Alamannenmuseum Ellwangen lernten die Schülerinnen und Schüler altbekannte Webtechniken kennen.
  • Die Stiftung Deutsches Design Museum engagierte für uns eine Designerin. Die Schülerinnen und Schüler setzten sich mit der Reichstagsverhüllung des Aktionskünstlers Christo auseinander, duften selbst einige Stühle mit Leinen verhüllen.
  • Für neue Sitzkissen verwendeten wir gebrauchte Stoffe, u.a. auch alte Jeans. In diesem Zusammenhang beschäftigten wir uns mit der »Reise der Jeans« (vom Anbau der Baumwolle bis zur Vermarktung, damit verbundene Berufe, Herstellungsprozess/ Lieferkette der Textilindustrie, wie z.B. Färberei, Weberei, Näherei bis zum Verkauf im Einzelhandel).
  • Ein Sattler lehrte uns, die Stühle zu beziehen.

Über e-Twinning hatten wir im Laufe des Schuljahres eine Partnerschule in der Slowakei gefunden, die sich von unserem Projekt inspirieren ließ. So waren wir im regelmäßigen Kontakt, tauschten unsere Arbeitsergebnisse/ Erfahrungen gegenseitig aus. Dabei übten die Schülerinnen und Schüler – ganz nebenbei – auf Englisch zu kommunizieren.

Nachdem wunderschöne neue Designerstühle entstanden waren, begannen wir mit dem Ausstellen derselben in unterschiedlichsten öffentlichen Räumen (u.a. Rathaus, Bank, Autohaus). Damit die Besucherinnen und Besucher mehr über unser Projekt, Nachhaltigkeit, die Regenwaldproblematik, heimische Hölzer u.a. erfahren konnten, gestalteten die Schülerinnen und Schüler eine QR-Code-Rallye. Gleichzeitig hatten wir einen Blog namens »Charity up« erstellt.

Um die Stühle zu verkaufen, waren die Jugendlichen gefordert, die Kosten und Preise zu berechnen. Ausgehend von ursprünglich geschätzten 50 Euro pro Stuhl lernten sie sehr schnell, dass ein fair bezahlter Lohn und die Deckung aller Materialkosten höhere Preise erfordert. Für ein zielgerichtetes Marketing machten wir uns auf die Suche nach unserem potentiellen/ typischen Kunden, erforschten dessen Wünsche/Bedürfnisse. Zum Erstaunen der Schülerinnen und Schüler hatten wir diesen bald real gefunden. Mit Verhandlungsgeschick und Kommunikationskompetenz überzeugten die Jugendlichen den Kunden sehr schnell. Und er war sofort bereit, den fairen höheren Preis für unsere Stühle zu bezahlen.

Dieses Projekt war an Vielschichtigkeit nicht zu überbieten

Nach und nach erkannte der Schulleiter, wie inspirierend, motivierend, Erfolg führend Entprepreneurship Pädagogik für die Schülerinnen und Schüler und die ganze Schule sein kann. Er stellte mir frei, Kolleginnen und Kollegen in die Projekte einzubinden, unterstützte mich durch einen ‚exiblen Stundenplan. Ich beantragte diverse Fördergelder bei Stiftungen/ ortsansässigen Firmen über unseren Förderverein, gewann durch Crowdfunding weitere Fans/Unterstützer. So waren die Finanzierungen der Projekte stets gesichert.

»Mein persönlich größter Gewinn war es, eine Veränderung der Schulkultur mitzuerleben, die zunehmend mehr von Zutrauen und Vertrauen in die Schülerschaft und die Motivation aller geprägt war.«

Mit diesem und weiteren Projekten haben wir an unterschiedlichen Wettbewerben teilgenommen. Die Schillerschule bzw. die Schülerinnen und Schüler wurden nach und nach mit einigen Preisen ausgezeichnet; dazu gehörte z.B. der Würth Bildungspreis. Wir haben dadurch nicht nur die überregionale Anerkennung erhalten, sondern weitere Kooperationspartnerschaften und Möglichkeiten für Berufspraktika/künftige Ausbildungsplätze gewonnen. Zuletzt wurden wir als Verbraucherschule Gold (von der Verbraucherzentrale Bundesverband) ausgezeichnet. Mein persönlich größter Gewinn war es, eine Veränderung der Schulkultur mitzuerleben, die zunehmend mehr von Zutrauen und Vertrauen in die Schülerschaft und die Motivation aller geprägt war.

Reflexion: Welche Einsichten ergeben sich aus der erfolgreichen Durchführung?

  • Leistung basiert auf Motivation zum Lernen. Motivation entsteht bei den Schülerinnen und Schülern durch eine positive Lehrkräfte-Schüler/-innen- Beziehung, das Entdecken und Entfalten individueller Potentiale, Möglichkeiten zur Mit- und Selbstbestimmung sowie Gestaltung des Schulalltags, Sinngebung, Wertschätzung (auch über die Schule als Institution hinaus) und kollaboratives Arbeiten.
  • Potentialentfaltung und Selbstbildung bedingen eine »Positive Pädagogik « und Fehlerkultur.
  • Kreativität steckt in jedem Menschen, will geweckt werden. Zur Entfaltung bedarf es regelmäßiger Übung/zielgerichteter Aktivitäten, geeigneter Kreativräume (z.B. Klassenzimmer mit großen Papierbögen an der Wand, Stellwänden, Flip-Charts, flexibles Mobiliar) und Freiraum (durch notenfreie Unterrichtszeiten, Prozess- u. Produktbewertung). So entwickeln die Schülerinnen und Schüler Ideen und Lösungsmöglichkeiten für Herausforderungen/ Problemstellungen ihres Alltags.
  • Lebens- und Zukunftskompetenzen werden durch vielfältige und ganzheitliche Herangehensweisen und Methoden gelernt. Network- &inking entsteht durch »fächerübergreifendes, problemanalysierendes, problemlösendes Unterrichten «, das Entdecken und der Vergleich mit der Welt außerhalb der Schule.
  • Heterogenität ist ein Schatz. Je unterschiedlicher die Stärken und Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler, umso zahlreichere, innovativere Ideen entstehen in kokreativen Team.
  • Selbstwirksamkeit erleben Schülerinnen und Schüler aus bildungsfernen Familien/mit schwierigen Startchancen oft erstmals durch Entrepreneurship Pädagogik.

Welche Grundsätze muss man bei der Verwirklichung beachten?

Gute Vorbereitung, professionelle Begleitung, innovative Methoden

Lassen Sie sich von erfahrenen Entrepreneurship Pädagogik-Trainern und -Trainerinnen als Coach begleiten. Mit Methoden wie Design-Future- Skills, also Design &inking für den schulischen Einsatz modi!ziert und optimiert (vgl. SkillUp e.V.) begegnen Sie den vielschichtigen Herausforderungen des Schulalltags mit machbaren Lösungen.

Es braucht Zeit und Mut

So können Ideen entstehen und wachsen. Und es braucht noch mehr Mut, gewohnte Wege zu verlassen, die Sicherheit auf Basis vorgefertigter Schulmaterialien dem unglaublichen Potential und Gewinn der Entrepreneurship Education unterzuordnen.

Vom Einzelkämpfer zum TEAM

Das motiviert, macht Freude, unterstützt, fördert eine gesunde Schulkultur, ermöglicht Spitzenerfolge. Beteiligen Sie – wo immer es möglich ist – mit einfachen demokratischen Methoden (Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte, Eltern, Sozialraum, Partnerschaften).

Niederschwellige Implementierung und Digitalisierung

Setzen Sie Entrepreneurship Pädagogik fächerintegrativ um, und knüpfen Sie direkt an den Inhalten des Bildungsplans an. So gewährleisten Sie eine nachhaltige Verankerung. Ermöglichen Sie Ihren Schülerinnen und Schülern das Mitgestalten von Digitalisierung (z.B. das Umsetzen eigener Ideen in &emenfeldern der Robotik im Schülerlabor/-werkstatt, ggf. in Kooperation mit einer ortsnahen Einrichtung).

Wertschätzen, sichtbar machen, evaluieren, weiterentwickeln

Bei Entrepreneurship Pädagogik stehen die Entwicklung, damit verbundenen Wege und Erfolge – aber auch mögliche Hürden, die überwunden werden mussten – im Vordergrund.

Vision – Glaube – Vertrauen an und in Ihre Schülerinnen und Schüler

Das ist eine der wichtigsten Grundvoraussetzungen. Gelingende Entrepreneurship Pädagogik fängt bei der Haltung der Lehrkraft/der Schulleitung/ Ihrer gesamten Schule an

Autorin

Sabine Barth:

Regionalkoordinatorin BNE/Schulkunst, Fachberaterin/Fortbildnerin WBS/Kunst und Präventionsbeauftragte des Zentrums für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL), Landesfachgruppe Gestalten und Lernen, Vorstandsvorsitzende SkillUp e.V., Landesmanagerin NFTE e.V., freischaffende Künstlerin

Weitere Informationen unter https://www.skillup-teaching.de/ und http://www.atelierbarth.net

Entrepreneurship Education als Chance